Tuchel: Herzlich und französisch gegen die Skepsis

von Marcel Breuer11:45 Uhr | 13.02.2020
Hat mit Paris seinen Ex-Club BVB vor der Brust: PSG-Coach Thomas Tuchel. Foto: Thibault Camus/AP/dpa
Paris (dpa) - Es ist ein grauer Februar-Morgen in Saint-Germain-en-Laye. Das Training war für 11 Uhr angesetzt. Um 11.11 Uhr trabt der erste Profi von Paris Saint-Germain gemächlich auf den Platz. Die Kollegen trotten nach und nach hinterher.


Thomas Tuchel steht da schon fast eine Viertelstunde auf dem wunderbar gepflegten Platz, direkt neben einer Baustelle des Verteidigungsministeriums. Das Wetter gefällt auch ihm augenscheinlich nicht. Er trägt eine weiße Mütze, tief ins Gesicht gezogen. Doch der Trainer wirkt alles andere als unwillig. Im Gegenteil. Er kann kaum erwarten, bis es losgeht.

Und so lange noch kein Spieler in Sicht ist, müssen seine Assistenten herhalten. Wild mit den Armen fuchtelnd, redet Tuchel auf sie ein, erklärt offenbar Spielformen und Trainings-Inhalte.



Seit Sommer 2018 ist der Schwabe Trainer beim neureichen Club aus der Vorstadt der französischen Metropole. Das Champions-League-Achtelfinale gegen seinen Ex-Verein Borussia Dortmund, von dem er im Zoff mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke schied, entscheidet in den Augen aller Experten darüber, ob er es weiter bleiben darf. Doch Tuchel wirkt dieser Tage topmotiviert. Dortmund (und Watzke) schlagen, in der Champions League ein Zeichen setzen und PSG-Trainer bleiben, das ist seine Motivation.

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Als der 46-Jährige kurz nach dem Training eine Pressekonferenz gibt, ist sein Problem rechts unterhalb von ihm in elf träumerischen, in Wahrheit aber unbarmherzigen Buchstaben zusammengefasst. «Dream Bigger» steht da. Träum größer. Seit die Investorengruppe Qatar Sports Investments PSG übernahm, soll der Club nach den Sternen greifen. Die Katarer schenkten PSG Geld und Stars. Mit dem Kleingedruckten gab es Druck und Ungeduld obendrauf.

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«Die Bosse erwarten das Finale. Und die Voraussetzungen dafür sind da», sagt Luis Fernandez. Die französische Fußball-Ikone mit dem strengen Blick war Europameister 1984, Spieler und zweimal Trainer bei PSG und ist heute ein Klartext sprechender TV-Experte. «Mit Blick auf die Ergebnisse der vergangenen Saison ist Tuchel der schlechteste Trainer seit dem Einstieg Katars», sagt er der Deutschen Presse-Agentur und zählt Tuchel nicht zu den internationalen Spitzentrainern: «Er ist immer noch weit entfernt vom Niveau eines Jürgen Klopp, Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti.»

Direkt nach dem Amtsantritt gab Präsident Nasser Al-Khelaifi 2011 das Ziel aus, in fünf Jahren die Champions League gewinnen zu wollen. Jetzt sind es schon neun Jahre, und sie waren noch nicht einmal im Halbfinale. Meister muss Tuchel natürlich auch werden. Doch ist das allenfalls eine Grundvoraussetzung. So wie ein Trainerschein. «Diesmal muss er mindestens ins Halbfinale kommen», sagt «L'Equipe»-Reporter Arnaud Hermant, der seit 18 Jahren täglich über den Verein berichtet: «Sonst wird er nicht Trainer bleiben können.»

Dass viele Tuchel das nicht mehr zutrauen, liegt vor allem am letztjährigen Achtelfinale. Nach einem 2:0-Sieg in Manchester schied PSG im Rückspiel durch ein 1:3 daheim aus. Gegen ein United, das ein Schatten seiner glorreichen Tage ist und an diesem Tag auch noch hochgradig verletzungsgeplagt war. «Das hat auf jeden Fall Spuren hinterlassen», sagt Fernandez. «Dadurch hat er jeden Kredit verloren», sagt gar Polo Breitner, der eine Biografie mit dem Titel «L'énigme Tuchel» («Das Rätsel Tuchel») veröffentlicht hat: «Ich glaube, dass er sofort weg ist, wenn er gegen Dortmund ausscheidet.»

Auch Hermant sieht in der Manchester-Pleite, die Tuchel später als einen «Autounfall» bezeichnete, einen Knackpunkt. «Danach hat er die Kontrolle über die Mannschaft verloren», sagt der Journalist, der mit seiner ruhigen und klaren Art der polemischen Übertreibung unverdächtig ist. Die Niederlage sei darauf zurückzuführen, dass Tuchel das Rückspiel zu leicht genommen habe. «Er hat die Mannschaft nicht im Hotel zusammengezogen», sagt Hermant: «Die Spieler kamen zwei Stunden vor dem Spiel von zu Hause ins Stadion. Der ein oder andere kam sogar zu spät.» Ohne die richtige Spannung schied Paris als erstes Team der Champions-League-Historie nach einem Auswärtssieg mit zwei Toren Unterschied noch aus. «Und nachher hat Tuchel nie eingestanden, dass es sein Fehler war», sagt Hermant.

Tuchel habe aber wieder die Kurve bekommen. «Weil die Spieler ihn mögen», sagt Hermant. Als «Kontrollfreak», als den man ihn in Deutschland bezeichnete, trete er in Paris nicht auf. «Im Gegenteil», sagt Hermant: «Er will Nähe erzeugen, nachdem sein Vorgänger Unai Emery nur Arbeit, Arbeit, Arbeit kannte.» Sein Ruf aus Dortmund, den der BVB befeuerte, sei ihm nach Paris vorausgeeilt. «Als er kam, haben wir gehört, er sei eine sehr schwierige Person», sagt Hermant: «Aber das kann ich nicht bestätigen. Er lächelt viel, hat Humor, erzeugt eine gute Atmosphäre.»

Allerdings gewähre Tuchel seinen Stars zu viele Sonderrechte. Vor allem Neymar. Auch dass Tuchel kürzlich Jungstar Kylian Mbappé noch auf dem Platz eine Auswechslung erklären wollte, um Missstimmung zu vermeiden, sei fehl am Platz gewesen. «Dabei hat er nicht gut ausgesehen», sagt Hermant: «Er ist der Boss. Er darf auswechseln, wen er will. Erklären kann er das später in einer ruhigen Minute.»

Von der menschlichen Art Tuchels berichtet auch Daniel Barsan. Er begleitete Tuchel ein Jahr lang als Dolmetscher. Heute gibt der Coach seine Pressekonferenz in fließendem Französisch, nur selten muss er Begriffe nachfragen. «Schon nach zwei Monaten hat er begonnen, immer öfter selbst zu antworten», sagt Barsan: «Manchmal habe ich mich ein bisschen gefühlt wie Manuel Neuer: Ich war die meiste Zeit nicht gefordert und plötzlich musste ich da sein.»

Das habe er aber nicht als Hochmut empfunden, im Gegenteil. «Er ist hochintelligent und extrem ehrgeizig», sagt Barsan: «Aber auch sehr herzlich und feinfühlig.» Er habe er auch mal dem Security-Personal die Hand gegeben und gefragt, wie es geht. «Und er setzte sich dafür ein, dass ich auch bei der Meisterfeier dabei sein kann», erzählt Barsan: «Und dort hängte er mir plötzlich seinen Meisterschal um, mit den Worten: "Du hast auch deinen Anteil daran."»

Tuchel sei in Paris viel entspannter, sagen Beobachter. Er strahle nicht nur Ruhe und Gelassenheit aus, sondern habe sie auch in den Verein gebracht, sagt der französische Nationaltrainer Didier Deschamps. Obwohl Tuchel sich immer noch hektisch mit der rechten Hand am Kinn kratzt, wenn er sich stark konzentriert.

Dass er so schnell die Sprache gelernt hat, sei laut Barsan «natürlich eine Charme-Offensive. Aber es war für ihn vor allem eine Frage des Respekts.» Respekt, den er inzwischen auch umgekehrt erhält. Keiner nennt ihn mehr «Tüschel». Was gut ist, denn «Les Tuches» ist eine chaotische Kino-Familie. Wenn die Fans heute vor Spielen den Namen ihres Trainers nach Verkündung der Aufstellung rufen, ist das «ch» das für Franzosen ungewohnt kehlige.

Biograf Breitner – das ist natürlich ein Künstlername – ist dagegen hochgradig enttäuscht von Tuchel. «Bevor er kam, sagte Willy Sagnol (Ex-Profi des FC Bayern, d. Red.) mir: Er ist ein toller Trainer. Aber er wird es schwer haben. Weil er Deutscher ist», berichtet Breitner, der als Bundesliga-Experte beim Sender RMC arbeitet: «Leider hat er diese Vorurteile bis heute nicht ausräumen können. Als er kam, war ich begeistert, weil ich seine Arbeit schätze. Aber für mich ist er eine riesige Enttäuschung.» Auch deshalb, weil er die interne Nähe nicht nach Außen transportiert bekomme.

«Er ist einfach kein Mann fürs Volk, auch wenn er sich am Anfang so gegeben hat», sagt Breitner: «Jürgen Klopp ist Danton, Thomas Tuchel ist Robespierre. Vielleicht ist Tuchel der bessere Trainer. Aber das Volk liebt Klopp. Kein Mensch liebt Tuchel.»

Von Klopp gibt es in Liverpool Schals, T-Shirts und andere Fanartikel. Im Fan-Shop von PSG auf den Champs-Élysées gibt es Boxershorts, Baby-Strampler und Radiergummi. Nichts zu Tuchel. Danach habe auch noch nie jemand gefragt, sagt der Verkäufer lachend.

Dennoch passe Tuchel zu PSG, findet Breitner. «Weil er elitär denkt.» Das tue auch der Verein, vor allem unter dem Einfluss aus Katar. «Sie reden nur vom Gewinnen, aber sie haben nicht verstanden, was Paris ist. Paris ist die Ville-Lumière, die Stadt des Lichts. Paris will Glanz», sagt Breitner: «Hier geht es niemals nur ums Gewinnen.»

Hermant kritisiert derweil, dass der Club bis vor Kurzem die falschen Prioritäten gesetzt habe. «Der Verein ist eine sehr, sehr große Maschine geworden. Aber er hat die Grund-Regel des Sports missachtet: Das Wichtigste ist auf dem Platz», sagt der Journalist. Der Verein müsse nun auch mal etwas Großes gewinnen». Dafür soll Tuchel sorgen.

Doch irgendwie lebt PSG auch wie in einer Blase. News gibt es vor allem über die vereinseigenen Kanäle. Dort tritt Tuchel vor Spieltags-PKs noch zum Interview an. Die französische Moderatorin begrüßt er stilecht mit Küsschen links, Küsschen rechts. Ihr antwortet er auf Französisch, dem englischen Moderator an ihrer Seite in dessen Sprache. Interviews mit Medien gibt er fast keine. Die «L'Equipe» hatte in fast zwei Jahren eins. Auch von den Profis wie den Nationalspielern Julian Draxler und Thilo Kehrer werden solche lästigen Pflichten so gut es geht ferngehalten.

Katar habe Fans und Fan-Kultur zurückgebracht, sagt Jonathan Basso, ein in München lebender Franzose, der den ersten PSG-Fanclub in Deutschland gründete und führt. «Vor 2011 war das Stadion tot. Katar wollte unbedingt die Fans zurückholen als Seele des Vereins. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was sie machen, aber das ist ihnen gelungen», sagt Basso. Sogar teamübergreifend. «Die Ultras der Männer sind regelmäßig bei unseren Spielen dabei und machen richtig Stimmung», erzählt PSG-Nationalspielerin Sara Däbritz.

Über die Stimmung bei den Männern werden die Spiele gegen Dortmund entscheiden. Und am Ende wohl auch über Tuchels Job. Der BVB könne ihn zum FC Bayern schießen, unkte manch einer nach der Auslosung. Doch die Münchner sind mit Hansi Flick derzeit ziemlich glücklich.

Es war ein Sandwichspiel. Ein frühes und ein spätes Tor, dazwischen viel Gehacktes.

— Werner Hansch