Meisterschaftsrennen so offen wie nie? Eine (vorzeitige) Zwischenbilanz zur Saison 2019/20

von Günther Jakobsen10:21 Uhr | 09.12.2019
Noch drei Spieltage bis zum Ende der Hinrunde in der 1. Bundesliga und im Titelrennen ist noch alles offen. Das allein ist Überraschung genug. Dazu kommt das bisherige Abschneiden einiger mutmaßlicher Favoriten – und von einigen Mannschaften, die bei den Prognosen zum Verlauf der Meisterschaft vor der Saison wohl keine Rolle gespielt hätten. Eine (vorzeitige) Zwischenbilanz.


Rückblick auf die vergangene Saison

Vor einem Jahr, ebenfalls am 14. Spieltag der Saison, scheint sich bereits frühzeitig abzuzeichnen, dass die Borussia aus Dortmund auf Meisterkurs ist. Mit 36 Punkten (11 Siege bei nur drei Unentschieden) und einer Tordifferenz von +25 führen die Schwarz-Gelben die Tabelle an. Sieben Punkte trennen sie vom ersten Verfolger, der nicht aus München kommt: Mönchengladbach liegt zu diesem Zeitpunkt schon einigermaßen deutlich hinter den Dortmundern und zwei vor dem FC Bayern. Für den Rekordmeister reicht es nur zu Platz 3, RB Leipzig und Eintracht Frankfurt bleiben mit zwei bzw. vier Punkten Abstand auf den Rekordmeister immer noch in Schlagweite. Das Führungstrio konnte an diesem 14. Spieltag der Saison 2018/19 punkten, der Auswärtserfolg der Dortmunder in Gelsenkirchen war in diesem Zusammenhang noch wichtiger als sonst. Ein wichtiger Schritt in Richtung Meisterschaft.

Jürgen Klinsmann
Hertha BSCAngriffDeutschland
Zum Profil

Person
Alter
55
Größe
1,85
Daten

Bundesliga

Spiele
-
Tore
-
Vorlagen
-
Karten
---


Nur eine Momentaufnahme

Fußballfans kennen allerdings den Ausgang. Bis zum Ende der Hinrunde hatten sich die Bayern auf Rang 2 hochgearbeitet, mit immer noch sechs Punkten Rückstand auf die Tabellenspitze. Am 24. Spieltag lagen die beiden Titelaspiranten gleichauf, eine Woche später übernahmen die Münchener die Führung in der Tabelle auf Grund des besseren Torverhältnisses – bis zum Saisonende blieb es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, mit dem besseren Finish für den FCB. Überraschend an diesem Titelgewinn war allenfalls das beschwerliche Zustandekommen, nach einer der schlechtesten Hinrunden, die die Bayern in ihrer Vereinsgeschichte jemals hingelegt hatten. Überraschend vielleicht auch, dass beide Borussias am Ende weniger aus der Saison mitnahmen, als der Blick auf die Tabelle des 14. Spieltages hätte erwarten lassen können.



Überraschungsmannschaft aus Wolfsburg

Eine wirkliche Überraschung hingegen bot der VfL Wolfsburg, der es nach zwei Jahren Relegation eindrucksvoll in die Europa League schaffte. Ähnlich gut die Fortuna aus Düsseldorf, die sich als Aufsteiger und fast sicher gehandelter Absteiger frühzeitig über den Klassenerhalt freuen konnte. Mit dem schlechten Abschneiden von Schalke 04 hätte nach der Vizemeisterschaft im Vorjahr sicher auch niemand gerechnet – am 14. Spieltag der Saison lagen die Knappen auf Platz 13, am Ende Stand der enttäuschende 14. Platz mit nur fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz.






Der Stand der Dinge an Spieltag 14 der laufenden Saison

Bietet die laufende Saison ähnlich große Überraschungen? Vereinzelt sicherlich schon. Dass Borussia Mönchengladbach nach Startschwierigkeiten unter dem neuen Trainer Marco Rose die Tabellenspitze erobern und verteidigen konnte, ist sicherlich in dieser Form nicht zu erwarten gewesen. Rainer Bonhof freut es natürlich trotzdem, der Vize-Präsident zeigt sich von der derzeitigen Situation begeistert.

Freiburg sensationell, Hertha BSC enttäuschend

Ob das ausreicht, um den Gemütszustand beim SC Freiburg zu beschreiben, wenn die Verantwortlichen auf die aktuelle Tabelle blicken, ist fraglich. Zwar sind die Breisgauer seit jeher für attraktiven Fußball bekannt, Rang 5 und Punktgleichheit mit den Schalkern und Leverkusenern erscheint dennoch über die Verhältnisse hinaus gut. Mit Platz 10 dürfte daneben Aufsteiger Union Berlin recht zufrieden sein – zumal der Verein in der Tabelle vor dem Lokalrivalen steht, der trotz eines beachtlichen Unentschiedens gegen die Bayern zum Saisonauftakt, neuem Investor und Jürgen Klinsmann als neuem Trainer hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt. Statt Europa-Ambitionen heißt es für die Hertha derzeit eher Abstiegskampf.

Katerstimmung in Dortmund?

In Dortmund schwankt die Stimmung in der bisherigen Saison. Fünf Siege gab es – über die Bundesliga hinaus – zwar in den letzten zehn Begegnungen, unter anderem gegen Spitzenreiter Mönchengladbach und Wolfsburg. Daneben aber auch eine herbe Auswärtsschlappe in München und ein torreiches Unentschieden gegen Paderborn. Immerhin konnten sich die Westfalen nach zuletzt zwei Siegen in Folge wieder auf Rang 3 hocharbeiten. Das Restprogramm sieht allerdings noch Spiele gegen Leipzig und Hoffenheim vor. Keine leichten Aufgaben, aber zwei gute Gelegenheiten, um weiterhin Boden gutzumachen.

Wenig Begeisterung in Bayern

Zur neuen Saison starteten die Bayern aus München, als der große Favorit auf den Titelgewinn, allerdings ebenfalls holprig. Logische Konsequenz war daher die Entlassung von Cheftrainer Niko Kovac nach der deutlichen Niederlage gegen Eintracht Frankfurt zum zehnten Spieltag. Unter Interimscoach Hansi Flick sah es zunächst so aus, als hätten die Münchener ihr altes Selbstverständnis wiedererlangt, in der Folge gab es deutliche Siege in Champions League und Bundesliga, vier Spiele ohne Gegentor. Die Werkself aus Leverkusen zeigte aber am 13. Spieltag, dass bei den Bayern längst noch nicht alles rund läuft und gewann in der Allianz-Arena mit 1:2. Mehr war für den Titelverteidiger auch am Niederrhein nicht zu holen: Eine starke erste Hälfte reichte nicht, am Ende fuhren die Münchener ohne Punkt und mit der vierten Saisonniederlage wieder nach Hause. Damit rutschte der FCB zwischenzeitlich sogar aus den internationalen Plätzen, 24 Punkte aus 14 Partien bedeuten derzeit nur Rang 7. Trotz der lobenden Worte über Interimscoach Flick von verschiedenen Spielern könnten die kommenden Wochen zur echten Bewährungsprobe werden. Ob es sich für Fans lohnt, auch in dieser Saison auf den Titelverteidiger zu setzen, hängt von vielen Faktoren ab, von denen einer Robert Lewandowski heißt. Der polnische Nationalstürmer traf bereits 16 mal, ist insgesamt wieder Top-Scorer vor dem starken Timo Werner. In den vergangenen Partien blieb Lewandowski jedoch glücklos.

Wie geht es in der Saison weiter?

Bislang hinken BVB und FCB mit ihren gezeigten Leistungen aber nicht nur den eigenen Erwartungen hinterher. Bei Fußballfans, nicht nur aus den Reihen der eigenen Anhänger, und Experten standen bei Clubs vor dem Saisonstart ganz oben auf dem Zettel der Meisterschaftsanwärter. Tatsächlich zeichnete sich ein wenig überraschendes Meinungsbild zur Frage der Meisterschaft ab.

These 1: Dortmund vor Bayern

Die Ergebnisse einer Untersuchung von System1 Research spiegeln ähnliche Verhältnisse wieder, wie sie über weite Strecken der vergangenen Saison beobachtet werden konnten und bislang genauso in der laufenden Saison wiederkehren: Auf den vorderen Plätzen hinter dem BVB tummeln sich mit Bayern München, Leipzig, Mönchengladbach, Leverkusen und Frankfurt alte Bekannte aus dem Kampf um Titel, Champions League- und Europa League-Qualifikation. Völlig anders, als es sich im derzeitigen Saisonverlauf abzeichnet, sieht es etwa beim 1. FC Köln aus. Dem Club wird mit dem 12. Platz kein vergleichsweise gutes Abschneiden prognostiziert. Dafür wäre man in der Domstadt sicherlich dankbar – immerhin würde es bedeuten, nicht mehr auf einem der direkten Abstiegsplätze zu stehen. Ansonsten sind die Einschätzungen vergleichsweise nah am aktuellen Tabellenbild dran. Nach einer Umfrage unter Lesern des Fußballmagazins 11freunde stehen die Chancen der Dortmunder Borussia auf den Gewinn der Meisterschaft ebenfalls gut. Nicht weniger als 41 Prozent der Leser tippen auf den BVB, nur 25 Prozent auf den FC Bayern. Es folgen Gladbach, Leipzig und Frankfurt.

These 2: Bayern vor Dortmund

In der Frage nach den wahrscheinlichsten Titelkandidaten bleibt die Fußballrepublik gespalten. Ein einhelliges Ergebnis zu Gunsten der Dortmunder gab es im Vorfeld der Saison daher nicht. Auch sinnvolle Einkäufe des BVB und der – vor allem nach den Abgängen von Robben und Ribéry – notwendige, aber wohl noch nicht gänzlich vollzogene Umbruch beim FCB, sind für viele Fans und Experten keine zwingenden Gründe, die die achte Meisterschaft der Münchener in Folge verhindern können. Unter den Bundesliga-Trainern war man sich vor Saisonbeginn deutlich sicherer im Hinblick auf den Saisonausgang: Im Rahmen einer SID-Umfrage sprachen sich 17 der 18 Trainer für die Bayern aus, sogar Lucien Favre tippte auf den größten Konkurrenten – mit der obligatorischen Einschränkung natürlich, dass der BVB wieder mindestens ein starker Herausforderer für den Rekordmeister sein will. Nur für Florian Kohfeldt ist der BVB am Ende definitiv vor den Münchenern, Chancen dazu sehen immerhin noch fünf weitere Trainer. Die Prognose der Sky-Experten Hamann und Matthäus hält ebenfalls keine Überraschung bereit. Bayern vor Dortmund, dahinter teilen sich Leipzig, Leverkusen, Mönchengladbach, Wolfsburg und Frankfurt die Plätze für das internationale Geschäft auf. Das entspricht dem Bild, dass die Liga in den vergangenen Spielzeiten in etwa so gezeigt hat.




Zeichen stehen auf eine spannende Saison

Einigkeit besteht also weitestgehend in der Annahme, auch in dieser Saison wieder einen Zweikampf um die Meisterschale erleben zu können. So wenig es danach aktuell aussieht, so wahrscheinlich ist das Eintreten dieser Situation. Mit Bayern und Dortmund ist – Kaderumbruch hin, Schwächephase her – im Konkurrenzkampf um den ersten Platz immer zu rechnen. Eine erste ernstzunehmende Prognose ist in dieser Hinsicht vielleicht nach dem Ende der Rückrunde möglich. Statistisch gesehen besitzt die Herbstmeisterschaft nämlich nicht nur einen symbolischen Wert, sondern kann gleichzeitig als Indikator für den Ausgang des Titelrennens hergenommen werden: Zwischen der Spielzeit 1963/64 und der Saison 2018/19 stand der Herbstmeister in rund 68 Prozent der Fälle auch am letzten Spieltag ganz oben. Eine Garantie ist das allerdings für die betreffende Mannschaft nicht. Vorläufig besteht die angenehmste Überraschung aber, wie schon in der Vorsaison darin, dass das Meisterschaftsrennen noch völlig offen ist. Gemessen an den eher konventionellen Prognosen von Fans, Journalisten und Experten ist die damit verbundene Spannung in jedem Fall erfreulich. Mit dem erstaunlich guten Abschneiden der Freiburger bis zu diesem Zeitpunkt, der Gladbacher Tabellenführung und dem durchwachsenen Saisonstart von Dortmund, Leverkusen, Frankfurt und Wolfsburg hat es schließlich schon einige Überraschungsmomente gegeben. 

Die meisten vertragen eh nicht viel.

— Kölns Trainer Peter Stöger auf die Frage, ob ein Wiesn-Besuch seiner Mannschaft nach einem 1:1 beim FC Bayern zu ausschweifend sein könnte